Abstracts der Seminare

Andreas Bachhofen: Kamikaze - Notgelandet
Komplexe Beziehungsstrukturen jenseits von Helden, Tätern und Opfern

Der Workshop versucht sich dem Tagungsthema aus der Sicht einer konkreten psychotherapeutischen Beziehung zu nähern.
Dabei wird deutlich, dass die Begriffe von Held, Täter und Opfer immer weniger voneinander abzugrenzen sind, je mehr Gewicht auf die Bedeutung der Beziehungskontexte der beiden beteiligten Personen gelegt wird. Was auf beiden Seiten der Dyade auftaucht sind "Opfertäterhelden", "Heldentäteropfer" oder "Täteropferhelden". Dies sind keine klar zu umschreibenden Begriffe mehr, sondern komplexe Systeme, die sich aus dem je einmaligen Zusammenspiel von Patient und Therapeut ergeben. Und genau hierfür steht das Bild des Kamikaze-Piloten. In der Realität des 2. Weltkriegs waren Kamikaze tatsächlich Täter, Opfer und Helden in einer Person, die uns heutzutage in Form der Selbstmordattentäter auf schreckliche Art und Weise wiederbegegnen.
Der erste Teil des Workshops befasst sich mit einer erlebensnahen Einführung in die Theorie komplexer Systeme und ihrer Anwendung auf psychoanalytisches Behandlungsgeschehen. Im zweiten Teil geht es anhand der Darstellung eines ausführlichen Fallbeispiels darum zu veranschaulichen, wie sich die Kamikaze-Dimension innerhalb des Behandlungsgeschehens zwischen beiden Beteiligten entfaltet. Auf diesem Weg wird deutlich, was es bedeutet, wenn man sich innerhalb komplexer Systeme bewegt und welche therapeutische Haltung es dazu braucht. In jedem Fall ist ausreichend Platz für eine offene Diskussion.

Jutta Bilger-Umland, Ingrid Mehner:
Grenzverletzungen in Institutionen und Ausbildungsinstituten, Täter, Opfer und das Dritte, eine komplexe Beziehung

Neben der Vermeidung von Erkenntnissen ist das Vermeiden von Handeln eines der wichtigsten Merkmale (Becker-Fischer/ Fischer 2008) im Umgang mit Grenzverletzungen sowohl bei denjenigen, die Opfer einer Grenzverletzung werden als auch bei denen, die davon erfahren. Die innerpsychischen Folgen bei den Opfern interagieren mit veränderten und beeinträchtigten Kommunikations- und Beziehungsstrukturen der Institution. Dies hat zur Folge, dass das Erleben von Mitgliedern und Kandidaten nicht integriert werden kann und sich kein historisches Gedächtnis bildet. Der sittlich-moralische Raum als Hintergrund der professionellen und persönlichen Identität ist gefährdet.
Im Seminar wollen wir anhand von Beispielen (auch aus dem Erfahrungsbereich der Teilnehmer) die Beziehungsdynamiken untersuchen mit Hilfe des Verständnisses des "Dritten" nach Jessica Benjamin und mit der Theorie komplexer Systeme und daraus mögliche Formen der Bewältigung ableiten.

Jörg Clauer: Kooperation und die implizite Dimension von Verbundenheit
Nirgends wird unser menschliches Dilemma der Verbundenheit so deutlich, wie in Täter-Opfer Dynamiken. Grenzverletzungen und Traumata zerstören Verbundenheit und graben sich dabei tief in unser implizites, verkörpertes Beziehungswissen ein - und dennoch entrinnen wir gerade in solchen existentiellen Momenten der Verbundenheit nicht. Jessica Benjamin hat versucht, diesem Dilemma mit einem "moralischen Dritten" zu begegnen - oder zu entkommen? Ich will mit den Teilnehmern/innen meine Erfahrung als relationaler Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut zu diesem Thema teilen. Sie legt nahe, dass Sicherheit-gebende menschliche Verbundenheit ohne Kooperation und "Intercorporeité" nicht zu erringen und zu bewahren ist. Kurze Experimente können uns dabei helfen, Gesichtspunkte einer solchen implizit-körperlichen Dimension gemeinsam zu begreifen und zu erarbeiten. Dabei können auch Aspekte aus anderen Kulturräumen, wie z.B. dem islamischen, zur Sprache kommen.
Eine Bereitschaft zu kleinen Experimenten und bequeme Kleidung sollten die Teilnehmer/innen mitbringen.

Dipl.- Psych. Annika Flöter, Dipl.-Psych. Vivian Jückstock, Dr. Viktoria Märker:
Der Rückfall im Rücken Psychodynamische Arbeit mit Menschen, die ein Sexualdelikt begangen haben

Menschen, die wegen eines Sexualdelikts verurteilt wurden, bekommen häufig nach ihrer Haftstrafe eine gesetzliche Therapieauflage. Unter psychodynamischen Gesichtspunkten kann das Delikt als eine Externalisierung von unerträglichen und unassimilierbaren Selbstanteilen des Delinquenten verstanden werden, der die Gesellschaft in Folge einer projektiven Identifizierung zwingt, repressiv zum Schutz der Opfer einzuschreiten. (Lackinger, 2008) So ist die Psychotherapeutin/ der Psychotherapeut bei der Behandlung eines sexualdelinquenten Menschen nicht nur mit den Affekten des Patienten beschäftigt, sondern auch den Reaktionen der geschädigten Person, der Justiz und der Öffentlichkeit (auch in Form von Medien) ausgesetzt, die die projizierten Affekte aufgreifen und darauf unterschiedlich reagieren. Die therapeutische Person hat die Aufgabe, einen Schutzraum, in dem der Patient sich öffnen kann, herzustellen. Gleichzeitig muss sie mit Bewährungshilfe / Führungsaufsicht, Gerichten, Medien, deren (und eigenen!) Reaktionen von Verleugnung und Bagatellsierung des Delikts bis hin zu sadistischen Bestrafungstendenzen umgehen. Sie muss über das Einhalten der Therapieauflage wachen und stetig eine mögliche Fremdgefährdung abschätzen können und gleichzeitig dem Patienten eine Möglichkeit geben, sich abgespaltenen, bedrohlichen Anteilen zuzuwenden und diese zu bearbeiten.
In unserem Seminar möchten wir anhand von Fallvignetten unsere Arbeit in der Präventionsambulanz des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie (einer Nachsorgeambulanz des Strafvollzugs) vorstellen und mit Ihnen die Chancen und Grenzen psychodynamischer und insbesondere intersubjektiver Ansätze in diesem Feld erörtern und diskutieren.

Uwe H. Hampel: Supervision zum Thema: Wenn TherapeutInnen zu Opfern werden
Die Situation, dass TherapeutInnen im Kontext der psychotherapeutischen Arbeit zu Opfern werden, kommt sowohl bei erfahrenen PsychotherapeutInnen als auch bei AusbildungskandidatInnen vor und wird selten thematisiert.
Hier geht es nicht um ein "sich opfern" im Sinne eines persönlichen Verzichts oder einer Hingabe zugunsten eines anderen, sondern darum, dass TherapeutInnen durch PatientInnen Schaden erleiden.
Die Beschädigung drückt sich durch eine anhaltende Labilisierung unseres Selbstwertes aus. Wir fühlen uns ausweglos gefangen innerhalb einer Beziehung, in der wir das Gefühl haben, nicht mehr auf Augenhöhe mit unseren PatientInnen zu sein. In unserer Handlungsfähigkeit sind wir beeinträchtigt, da wir uns den Initiativen des Gegenübers ohnmächtig ausgeliefert fühlen. Das führt zu Scham- und Schuldgefühlen, weil wir unsere therapeutische Rolle verlassen haben, in der wir die Verantwortung tragen. Schuldgefühle dienen vielleicht auch der Abwehr ohnmächtigen Ausgeliefert-Seins, indem wir uns vorstellen, dass es allein in unserer Hand läge, die Situation zu verändern. Möglicherweise werden hier schädigende Beziehungserfahrungen unserer Kindheit reaktiviert und wir verlieren den Kontakt zu unseren kompetenten Selbstanteilen. Diese quälenden Zustände werden häufig schamhaft verschwiegen, weil sie unserem Selbstverständnis als TherapeutInnen widersprechen.
Ein wichtiger Bestandteil unseres impliziten Beziehungswissens ist so organisiert, dass wir uns als Stabilisatoren für die seelische Befindlichkeit anderer verstehen. In unserer Kindheit haben wir dafür die zum Überleben wichtige Zuwendung erhalten und gleichzeitig einen Mangel an angemessener Responsivität erlebt. Diese Sozialisation ging auf Kosten der eigenen Bindungssicherheit und ist verbunden mit dem Gefühl der eigenen Verunsicherung, inwieweit wir eigene Bedürfnisse durchsetzen und Responsivität anderer erwarten dürfen.
Auch nach langen Lehranalysen oder Selbsterfahrungen bleiben uns diese frühen Repräsentanzen der Kindheit erhalten und können in spezifischen Kontexten wiederbelebt werden.
Im supervisorischen Prozess soll versucht werden, die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit der TherapeutInnen wiederherzustellen. Durch das wiederhergestellte Gefühl der eigenen Gestaltungsfähigkeit kann die TherapeutInnen-PatientInnen-Beziehung, die sich in einer Opfer-Täter-Dichotomie konstelliert hat, zugunsten anderer Beziehungsformen aufgelöst werden.
Zusammenfassung: Therapeutische Prozesse geraten manchmal in Sackgassen, in denen wir uns als TherapeutInnen hilflos ausgeliefert fühlen und seelische Beschädigung erleiden. Als "Helfer" wollen wir uns aber kompetent und handlungsfähig darstellen. In dem Glauben, inkompetent zu sein, neigen wir dazu, diese Situationen schamhaft zu verschweigen. Das Supervisionsangebot soll uns dafür sensibilisieren, dass derartige, uns selbst schädigende Prozesse Teil unserer Beziehungsarbeit sind. Gemeinsam werden wir überlegen, wie wir uns aus der Opfer-Täter-Konstellation befreien können, um erneut Handlungskompetenz zu erlangen.

Chris Jaenicke: Eine intersubjektive Falldarstellung: Täter und Opfer oder die unentrinnbare Wechselwirkung?
In tiefen therapeutischen Prozessen kann die Wechselwirkung zwischen den Erfahrungswelten von Patient und Therapeut zu kritischen Zuspitzungen führen. Diese Kollision der Erfahrungswelten kann weiterhin dazu führen, dass beide sich sowohl als Täter als auch Opfer empfinden. In dem beschriebenen Prozess kam es zu einer systemischen "Patt-Situation", in dem die Haltung des Therapeuten genau der schlimmsten Befürchtung der Patienten zu entsprechen schien. Eine Auflösung konnte nur gelingen, in dem beide Veränderungen zuließen und konfrontierten.

Silvia Janko und Wolfgang Milch: Opfer und Täter in Mythen am Beispiel von Herzog Blaubart
Blaubart, der durch einen Makel gezeichnet ist, sucht immer wieder nach Frauen, die er heiratet. Nach der Hochzeit sind diese dann immer wieder verschwunden. Die Protagonistin lässt sich durch seine Macht und Reichtum so beeindrucken, dass sie ihre anfängliche Skepsis ignoriert und ihn heiratet. Nachdem Blaubart bei einer Abwesenheit ihr alle Güter anvertraut - mit der Auflage eine Kammer nicht zu öffnen - entdeckt sie sein Geheimnis, damit wird sie vom Opfer zum Täter und dann auch wieder zum Opfer der Wut von Blaubart.
Das Märchen und Oper zeigen die Verschränkung von Tätersein, dem Täter verfallen und Opferwerden, wobei der von dem Märchen unterschiedliche Ausgang der Oper zeigt, dass es aus dem System kein Entrinnen gibt.

Gerlinde Laaha-Suchar: Transgenerationale Verbundenheit jenseits der Sprache
Selbsterfahrungs-Workshop
Worte springen wie die Affen von Baum zu Baum,
aber in dem dunklen Bereich, wo man wurzelt,
entbehrt man ihrer freundlichen Vermittlung.
Robert Musil

Phänomene transgenerationaler Weitergabe muten oft archaisch an. Jenseits von expliziter Sprache beruht ihre Wirkung auf impliziter wechselseitiger Kommunikation zwischen den Generationen. Der Beziehungskontext - also die Verbundenheit in unseren Familien ist Basis für die Medien der Transmission. Gerade das Nicht-Gesagte, das Undenkbare, die Leerstelle, das Geheimnis enthalten oft wichtige, hochemotionale Information...
In diesem Workshop werden Körpererfahrungseinheiten mit Reflexionsrunden abwechseln, um implizite und unbewusste Bereiche eigenen (und kollektiven) transgenerationalen Wissens erfahrbar und erfassbar zu machen. Durch die Verschiebung des Aufmerksamkeits-Focusses von der verbalen auf die nonverbale Ebene kann Zugang gefunden werden zu "dem dunklen Bereich, wo man wurzelt". Die "freundliche Vermittlung" von Worten wird erst durch das Mentalisieren von intersubjektiver Erfahrung möglich.

Gabriela Mann: Paradoxes of Belonging
This paper presents a picture of an Israeli who is trying to solve the riddle of her fragmented identity and heal a rupture in the self. The questions "Who am I?", "Where do I really belong?" and how to cultivate a broad perspective on immediate contradictory self-states is a profound question for many Israelis. Motivated by the wish to retrieve a secure experience of belonging, the taking of a spiritual journey opens up a path towards compassion and profound understanding of the complexities of belonging and identity.
Three vignettes illustrate such transformation: The first vignette is a personal account that portrays the ruptured self of persons who were expelled from Germany and settled in Palestine. While relieved that they found a new haven and shelter for their plagued selves, they experienced an unrestorable breach in their identities and in their sense of belonging. The vignette will portray the first generation's complex connectedness to Germany and the second generation's search for the lost link. The second vignette is a discussion of a segment from the movie "Walz with Bashire", a cultural icon exploring current Israeli identity. This vignette focuses on the split self experience of the Israeli soldier who is called for serving in the army and to fight in Lebanon yet he, the perpetrator, deeply identifies with the victims who, in his mind, remind him of his refugee-parents. The soldier seeks to heal the rupture in his identity; he longs for an internal home of safety. The icon represents any soldier, who is called for duty and experiences a rupture in his Self. Finally, the third vignette is a clinical illustration of work with people who are confronted with conflicting identities or hostile relations.
Complexity theory helps in comprehending and accepting paradoxes of belonging.

Franz Resch: Vortrag: Die Verbindung zwischen Opfersein und Täterschaft: psychodynamische und entwicklungspsychopathologische Perspektiven
Das Entwicklungsproblem traumatisierter Menschen soll an vier Themenschwerpunkten auch unter Einschluss eigener Forschungsergebnisse aufgezeigt werden:
Das Problem der Reviktimisierung kennzeichnet spezifische Faktoren, die eine besondere Hilflosigkeit gegenüber potentiellen Tätern bedeuten. Unter präventiven Gesichtspunkten sollte eine früh einsetzende Psychotherapie diese Aspekte besonders berücksichtigen.
Die Besonderheit von Opfern als Tätern soll am Problem des schulischen Mobbings noch einmal aufgezeigt werden, wobei der Bedeutung des Täterintrojekts und dem Gefühl der Handlungskontrolle besondere Wichtigkeit zukommt.
Das Problem der transgenerationalen Weitergabe von Traumatisierung kann anhand von mehreren Studien beleuchtet werden - die Depression und die Dissoziation spielen auf der Seite traumatisierter Bezugspersonen eine besondere Rolle.
Zum Abschluss wird das gesellschaftliche Phänomen diskutiert, dass im Rahmen der politischen Korrektheit zwischen Opferstatus und der Legitimität von Argumentationen in diversen Diskursen eine starke Beziehung besteht. Demgegenüber kann die Beschuldigung als potentieller Täter (z.B. in Scheidungsprozessen und in Sorgerechtsauseinandersetzungen) eine spezifische Delegitimierung der Betroffenen im öffentlichen Raum erreichen.
Franz Resch: Arbeitsgruppe: "Wie entwickelt sich die Verbindung von Opfer und Täter?"
Anhand unterschiedlicher Perspektiven auf die Phänomene "Opfersein" und "Täterschaft" sollen Aspekte der Beziehung zwischen beiden herausgearbeitet werden: den Themen der Reviktimisierung von Opfern, der Täterschaft von Opfern und der transgenerationalen Weitergabe von Traumatisierungen soll besondere Bedeutung gegeben werden.

Ebba Schmitz-Hübsch: Lebendige Erfahrungen und sensible Haltungen basierend auf der Theorie komplexer Systeme erschließen. Über das Wechselspiel mit Körpererfahrungen sich dem Täter-Opfer-Thema nähern
Kreative Explorationsversuche zum Täter/Opfer-Erleben: Täter- und Opfererfahrungen sind sowohl explizit-spezifisch, als auch ubiquitäres Erleben im allgemeinen Sinn von Empfindungen "mir wird etwas angetan, ich tue jemandem etwas an (to do/to be done)" zu finden. Dabei gestalten im intersubjektiven Raum der Therapie die eigenen Welten des Therapeuten den Raum genauso wie die des Patienten. Bedeutungen gehen weiterhin nicht nur aus dem dynamisch-fluiden Sprachspiel der therapeutischen Begegnung hervor, sondern aus dem gesamten sinnlich-gelebten Zusammenspiel. Um diesen komplexen Erlebensbereich leichter erschließen zu können, scheint erstens eine sensible Haltung mit einem Gewahrsam für Komplexität sinnvoll (Coburn, Strunk), eine reiche Quelle zur Beschreibung lebendiger Erfahrung. Zweitens wäre zu erforschen, inwieweit kreative, multimodale Zugänge, die unmittelbar an die Affekte anschließen, geeignet sind, sich dem Bereich des Impliziten mit all seinen Qualitäten und Geschmäckern anzunähern, dessen präreflexive Metaphern aufzunehmen. Könnten Gestaltung, Bewegung, Tanz, die Idee des Flusses leichter aufnehmen, Weitung und Überwindung von Fixiertem bewirken, ein viel-perspektivisches Verstehen fördern? Dies wollen wir erforschen mit Hilfe von Impulsvortrag und Diskussion, dabei unsere eigenen Erlebnisfacetten nicht nur mit Worten erkunden, sondern das oft nicht zu Versprachlichende auch gestaltend und uns bewegend explorieren.

Sascha Schipflinger: "... Müllers Esel, das bist du!" Zugehörigkeit und Anerkennung als Antidot für Viktimisierung.
"Ist es für die Entwicklung des pathologisch angepassten Selbsterlebens hilfreich, wenn ich mich jetzt zurücknehme, dadurch eine anpassende Wiederholung vermeide, oder wenn ich als sicht- und spürbar getrenntes Gegenüber auftauche, indem ich meine (abweichende) Einstellung kundtue?" Dieser Moment eines therapeutischen Prozesses stellt den Ausgangspunkt für die folgenden klinischen und theoretischen Überlegungen dar. Im Kontext eines intersubjektiven Verständnisses, wie es Vertreter der amerikanischen relationalist theory und der intersubjective systems theory entwickelt haben, wird dabei auf die Bedeutung, die dem Erleben von Zugehörigkeit und Anerkennung zukommt, fokussiert. Deren Bedeutung für ein differenziertes Opfer-Verständnis (im Sinne von "sich opfern" und "zum Opfer werden") wird abschließend mithilfe der Unterscheidung von "submission" und "surrender" (Ghent) näher bestimmt.

Franz Herberth, Harm Stehr: Über ein intersubjektives Verständnis von Tätern, Opfern und Helden in der Familie, in Gruppen, in der Öffentlichkeit.
In der Dynamik der Beziehungen einer Familie lassen sich Opfer- Täter- und Heldenidentitäten als einseitige Zuschreibungen und /oder Übernahmen von familiären Rollen verstehen, die eine Unterbrechung und Erstarrung des Flusses wechselseitiger Bezogenheit markieren und mit ihrer Pseudoeindeutigkeit den drohenden Verlust an strukturiertem Zusammenhalt notdürftig reparieren. Die traumatische Erfahrung, in der Herkunftsfamilie zum Täter / zum Opfer gemacht worden zu sein und /oder sich Selbst geopfert zu haben, findet sich in unserer eigenen Biografie wohl ebenso häufig wie in der Biografie vieler unserer Patienten. In Kleingruppen mit hoher emotionaler Bezogenheit, zum Beispiel in peer groups, ebenso wie in den Großgruppensituationen der politischen Öffentlichkeit findet sich eine vergleichbare Dynamik.
In der Arbeitsgruppe wollen wir mit Beispielen aus unserer eigenen therapeutischen Arbeit, der Mobbing-Dynamik in einer Gruppe, sowie der Täter-Opfer-Dynamik in einem israelisch-deutschen Encounter erste Anregungen für einen Austausch unter den Gruppenteilnehmern zum Thema "Täter, Opfer, Helden" geben - sowohl über persönliche, als auch über klinische Erfahrungen.

Herfried Münkler: Sacrificia oder Victima. Von dem Erfordernis einer politischen Theorie des Opfers
Wiewohl der Gedanke des Opfers in der politischen Geschichte immer eine zentrale Rolle gespielt hat, gibt es keine politische Theorie des Opfers. Dementsprechend ist der Wandel von den heroischen Gesellschaften Europas zu den heutigen postheroischen Gesellschaften theoretisch kaum begleitet worden. Im Zentrum dieses Wandels steht die Ablösung des Sakrifiziellen durch das Viktime: Das Opfer im Sinne der rettenden Tat, die dem "Helden" die Bewunderung und Erinnerung der Gesellschaft einbringt, ist ersetzt worden durch ein versicherungsrelevantes Zum-Opfer-Werden, aus dem Entschädigungsansprüche gegenüber der Gesellschaft erwachsen. Das ist der Kern der politischen Pazifizierung Europas. Dieser Wandel hat uns Frieden und Wohlstand beschert. Aber was sind seine Kosten? Diese Frage soll im Hinblick auf die jüngste Herausforderung durch den Terrorismus diskutiert werden.